

Lily Anggreny
*1951
Weltklasse Rennrollstuhl-Fahrerin
In jungen Jahren kam Lily Anggreny aus Indonesien ins Ruhrgebiet. Als Studentin fand sie ihre Leidenschaft für den Leistungssport und reüssierte fortan im Rennrollstuhl über diverse Distanzen und gewann die Goldmedaille während der Paralympics 1992.
Kurzbiografie
- Geboren 1960 in Pematang Siantra (Indonesien) als Koen Ang
- 1979 Übersiedlung nach Bochum
- Studium der Anglistik und Sinologie an der Ruhr-Universität Bochum. Universitätsabschluss: Bachelor of Arts.
- 1986-1989 Beginn der parasportlichen Betätigung als Rollstuhl-Basketballerin im Hochschulsport der Ruhr-Universität Bochum; Es folgt der Wechsel zum Renn-Rollstuhl
- 1990-2002 4 WM-Teilnahmen mit 6 WM-Medaillen
- 1992 Paralympics Gold über 5000 Meter-Rennrollstuhl
- 1992 Silbernes Lorbeerblatt
- 1992-2012 Turnverein (TV) Wattenscheid 01 Leichtathletik e. V.
- 1996 Paralympics Bronze über 10.000 Meter
- 1996 Silbernes Lorbeerblatt
- 1996-2000 Angestellte in einem Bochumer Sanitätshaus
- 1997 Georg von Opel-Preis
- Ab 1998 Behinderten-Sport-Gemeinschaft (BSG) Bochum-Langendreer 68 e. V.
- 2000 Paralympics 4 Platz Marathon
- 2002-2012 Radsportverein (RSV) Bochum e. V.
- 2004 Ehrenring der Stadt Bochum
- 2004-2005 Übungsleiterin bei der BSG Bochum-Langendreer
- 2011 Ehrennadel des Stadtsportbundes Bochum
- 2018-2022 Schriftführerin beim RSV Bochum
Lily Anggreny über …
„Ich wollte unbedingt nach außen. Ich wollte nicht zu Hause bleiben. Meine Familie ist ja aus China, sie sind sehr streng. Es ist nicht alles gut. Ich bin anders erzogen, nicht wie die Chinesen, sondern indonesisch, und ich machte alles. Und meine Geschwister sind alle so brav gewesen. Nicht so wie ich. Ich bin die Frechste, und das passte dann meinen Eltern nicht. Mein Vater war ganz streng, und manchmal gab es eine Einladung zum Geburtstag von Freundinnen von der Schule. Und dann kam ich spät zurück, und dann schimpfte er.
Und irgendwann habe ich gesagt: ‚So geht das nicht, ich kann mich hier nicht bewegen, ich will raus!‘ Dann hat er erst mal nicht ‚Ja‘ gesagt. Er hat gesagt: ‚Du kannst nicht Wäsche waschen, du kannst nicht kochen, du kannst nicht einkaufen.‘
Weil zu Hause musste ich ja gar nichts machen. Da gab es ja Diener, die machten alles. Dann habe ich gesagt: ‚Wenn man will, kann man alles.‘ Unser Arzt, der hat mal in Bochum studiert. Da hat er gesagt: ‚Lass deine Tochter mal hingehen.‘ Irgendwann hat er mich gelassen, und er wollte ja sehen, wie das in Bochum aussieht. Und wenn man einfach in ein fremdes Land geht, dann kann man verloren gehen oder was weiß ich. Deswegen sind die dann mitgekommen.
Damals war es ja ganz einfach. Wenn man nach Deutschland kam, konnte man als Tourist erst mal schon drei Monate bleiben, nicht so wie jetzt. Heute muss man erst mal ein Visum beantragen und so. Damals war es einfach: Erst mal drei Monate, und danach gucken. Ja, und danach habe ich dann einen Deutschkurs besucht. Dann hatte ich eine Aufenthaltserlaubnis bekommen.
Meine Eltern und mein Bruder sind circa drei Wochen geblieben und haben noch eine Rundreise gemacht. Ich weiß nicht mehr, wohin. Und dann kamen sie wieder und sind dann nach Indonesien zurück. In der Zeit hatte ich ja schon mein eigenes Zimmer.
Das war so einfach damals als Rollstuhlfahrer. Dieses Sanitätshaus hat als Erstes, bevor wir einen Antrag gemacht haben, mich zur Krankenkasse gebracht. Dann war ich ja schon versichert. Und dann hat die Krankenkasse mir gesagt: ‚Daneben ist ein Sprachkurs für Anfänger.‘ Dann hat man mich da angemeldet, und danach gab es ein Zimmer für Behinderte. Manchmal muss man sagen: ‚Gut, behindert zu sein, weil dann geht alles einfacher und schneller.‘
Innerhalb von drei Wochen habe ich dann ein Zimmer bekommen. Andere Leute mussten ein halbes Jahr warten, und ich hatte ein Zimmer innerhalb von drei Wochen. Das haben sie gesehen, dann sind sie nach Indonesien zurückgeflogen.
Ich bin sofort nach Bochum gekommen. Ich hatte keine Ahnung. Ich konnte kein Deutsch. Ich habe immer nur mein Wörterbuch mitgebracht. Damals gab es ja kein Handy. Jedes Mal, wenn ich mit Leuten geredet habe, musste ich mein Buch drehen und dann reden. Das war dann in Bochum. Ich war fast 30.“
„Ich hatte damals schon einen geliehenen Rollstuhl. Dann habe ich fleißig am Stausee trainiert. Und keine Ahnung, warum ich so gut war. Ich hatte damals vielleicht noch Energie. Dann hat man gesagt: ‚Es gibt den Berlin-Marathon. Willst du mitkommen?‘ Ich habe ‚Ja‘ gesagt, dann bin ich mitgegangen. Und ich habe einfach selbst trainiert, ohne Ahnung. Bin einfach nur gefahren, gefahren, gefahren.
Das war der erste Marathon für mich, damals in Berlin. Berlin hatte so viele Zuschauer. Aber beim Marathon denkt man nicht mehr an Zuschauer. Man ist einfach nur am Hinterherfahren, so schnell wie möglich. Die Zuschauer kann man kaum sehen. Was es in Berlin gab, das habe ich auch nicht gesehen. Ich weiß nur: Nach vorne, nach vorne, nach vorne. Und zum Glück war ja die Straße gesperrt. Mit meiner guten Orientierung komme ich nicht an!
In meiner Ergebnisliste steht, glaube ich, etwas über zwei Stunden, und da hatte ich jemanden geschlagen. Das war eine Deutsche, die war schon lange dabei. Nachdem ich das gemacht hatte, hat sie aufgehört.
Meine Idee, kein Basketball mehr zu spielen, hatte ich schon vorher. Basketball ist ja so ein Mannschaftsspiel. Und das ist dann so: Wenn einer nicht fleißig ist, dann arbeite ich ganz alleine. Es tut mir überall weh. Und die Pokale kann man auch nicht nach Hause bringen – dann bleibt der irgendwo. Wenn ich selber fahre, dann ist der Pokal in meinem Zuhause.
Früher gab es nicht so viele Prämien. Ich weiß nicht mehr, was es damals gab. Ich habe es vergessen. Im Nachhinein gab es dann Prämien. Ich weiß, dass ich ein kleines Weltradio gekriegt habe. Damals gab es sowas nur. Und es gab nicht, wie jetzt, so viel Geld. Das gab es damals nicht. Aber ich bin ja froh, dass ich gewonnen habe – und nicht wegen dieser Prämie.“
„In Barcelona sind wir diese 5000 Meter gefahren – richtig langsam. Ich habe keine Ahnung, vielleicht war es Taktik und so? Die sind so langsam gefahren. Und dann irgendwann habe ich gedacht: So langsam? Dann bin ich einfach raus aus der Bahn und habe dann alle überholt. Kurz nachdem ich sie überholt hatte, hörte ich die Klingel. Das heißt, letzte Runde. Dann habe ich nur noch Vollgas gegeben. Die waren so langsam, die haben Taktik gespielt und ich hatte keine Ahnung, hatte nichts mit Taktik zu tun. Ich weiß nur: Schnellfahren. Ja, dann habe ich diese Klingel gehört. Dann bin ich nur noch schneller nach vorne gegangen. Dann habe ich meinen Namen gehört. Alle haben gedonnert. Dann habe ich auch noch gehört, wegen des Rekordes und so. Ja, dann bin ich dann ganz schnell, so schnell wie möglich nach vorne gefahren. Damals hatte ich viel Energie.
Bei den 10.000-Metern war das so: Wie gesagt, ich habe keine Ahnung. Da sind wir dann am Ende nur zu dritt geblieben. Amerikanerin, Dänin und ich. Und habe ich mir gedacht: Es ist ja so langsam, dann habe ich wieder überholt. Die Amerikanerin hat mir gesagt: ‚Bleib da, bleib da.‘ Ich habe nicht verstanden, warum. Die wollten nicht, dass die Dänin, die war ja früher die Beste, die wollten nicht, dass die uns überholt. Aber ich war so dumm. Ich bin schnell gefahren. Und ja, die Dänin hat so viel Erfahrung mit Wettkämpfen, und dann ist sie immer noch bei mir geblieben und dann, kurz vor dem Ziel, hat sie mich überholt. Mein Platz war weg, ich bin Zweite geworden.
Ich habe wirklich nie geguckt, nie geschaut. Damals habe ich auch keine Autorennen geguckt, Formel 1 oder so. Wenn ich das damals gesehen hätte, vielleicht hätte ich von dort etwas Taktik lernen können. Ich hatte keine Taktik. Ich bin nur schnell nach vorne gefahren.
Damals gab es keinen Bürgermeisterempfang. Nur die Zeitungen, die kamen alle zu mir. Aber damals war noch kein Bürgermeisterempfang. Vielleicht ja jetzt, aber früher gab es so was nicht. Da war ich noch unbekannt. Nur im Stadion, wo ich trainiert habe. Da gab es auch andere Leute. Läufer, die trainierten zur gleichen Zeit. Da kannten sie mich sofort von der Zeitung. Und dann hat jemand, der war früher bei Opel, gesagt: ‚Du musst mal einen Sponsor haben, ich spreche mal mit Opel.‘ Da habe ich Glück gehabt. Der hat mit dem Chef geredet und dann bin ich eingeladen worden und dann hat sofort der Chef zugesagt.“
„Der RSV Bochum hatte ja schon lange wenige Mitglieder. Der Vorsitzende, der war ja der Mann, der den Verein aufgemacht hat, der hat das ja lange Jahre gemacht. Und irgendwann wollte keiner mehr was tun von den Mitgliedern. Und einige Vorsitzende haben schon gewechselt wegen Untreue oder sowas. Und es gab keinen mehr. Und bei der Versammlung haben die mich gefragt: ‚Kannst du das machen?‘ ‚Ja, mein Deutsch ist so schlecht. Das kann ich doch gar nicht.‘ ‚Du musst nicht viel arbeiten. Du brauchst das nur beim Verband anzumelden. Und schreiben musst du nicht.‘ ‚Ja, gut, kann ich machen.‘ Das habe ich ein paar Jahre gemacht. Es war nicht einfach. Online war ich noch nie gut. Ja, und da habe ich gedacht: Egal, ich rufe da an und frage, wie das geht. Und dann telefonierte ich immer. Dann kam eins nach dem anderen, so und so. Irgendwann konnte ich das. Ein paar Jahre habe ich das gemacht. Da wollte der Vorsitzende nicht mehr. Er hat gesagt: ‚Ich melde mich ab, ich habe keine Lust mehr.‘ Keiner hat mitgemacht. Und ich musste dann dabei sein. Ich musste was schreiben und abmelden. Ja, jetzt bin ich in keinem Verein mehr.
Ich glaube, damals hatte der RSV fast 30 Mitglieder. Aber die sind alle nur selber gefahren, für sich. Selber wollte niemand was machen. Genau wie bei dem Handbike. Da habe ich das auch gehört. Ich habe jemanden gefragt. Der ist vom Rehateam und begleitet immer die Handbiker, auch als Sponsor. Und ich habe ihn gefragt. Er hat mir erzählt: Die Fahrer interessieren sich nur für diese UCI- und NHC-Rennen und die kümmern sich um keinen Nachwuchs und es gibt keinen Nachwuchs. Es wird bald keinen mehr geben. Und ja, alle wollen es nur selber machen für sich, und keiner beschäftigt sich mit dem Nachwuchs. Und ja, der ist irgendwann weg. In Holland ist das alles besser organisiert, in der Schweiz auch. Die kümmern sich um Nachwuchs. Bei uns in Deutschland kümmert sich keiner um den Nachwuchs. Deswegen schrumpft das. In der Leichtathletik weiß ich nicht, wie viel es noch gibt.
Beim Handbike ist es nicht so schlimm, glaube ich. Da kommen die von alleine, weil die haben gesehen, dass es auch interessant ist. Handbike ist ja sehr populär jetzt.
Aber bei der Leichtathletik, da muss man sich richtig quälen. Das Sitzen alleine ist schon sehr schwer. Alles tut weh! Das will ja keiner mehr. Jetzige Behinderte haben es einfacher. Die nehmen das Handbike. Dort kann man sitzen und locker fahren. Aber in der Leichtathletik muss man mit Schmerzen fahren und dann mit der Hand. Damals gab es ja noch komische Handschuhe. Jetzt habe ich gesehen, die haben nur zwei Klötze. Damals hatten wir unsere Handschuhe und mussten immer kleben.“
„Das war schon ein besonderes Ereignis, da bei diesem Demonstrationslauf mitzumachen. Es war ja nicht nur Behindertensport. Wir sind dann bei der normalen Leichtathletik gestartet. Dann sind wir auch gesehen worden. Beim Anderen sah man uns ja nicht. Damals gab es ja keine Fernseher. Die wurden ja gar nicht gezeigt, und da bei den normalen Wettkämpfen wurden wir ja dann gezeigt. Das ist schon ein besonderes Ereignis.
Mein Unfall war 2000 bei den Olympischen Spielen. Das war dieser 800-Meter-Demolauf. Ja, und dieser Demolauf hat alles kaputt gemacht. Dann bin ich nur eingezuckt und konnte nicht mehr fahren. Ich habe dann von Bekannten gehört: ‚Hey Lily, du bist so berühmt. Alle fünf Minuten kommst du im Fernsehen.‘
Alle fünf Minuten strahlten die dann im Fernsehen über mich aus. Und dann kam ich nach Hause. In Frankfurt hat mich auch jemand schon angesprochen: ‚Sind Sie die Frau, die in Sydney umgefallen ist?‘ Da habe ich gesagt: ‚Ja.‘ Da war ich schon berühmt. Oder wenn ich mal in Bochum war.
Meine Ärzte sind immer noch in Bochum geblieben. Dann bin ich ja immer nach Bochum gefahren, nach Langendreer. ‚Sind nicht die diejenige, die den Unfall in Sydney hatte?‘ Jeder kannte mich durch diesen Unfall.
Meine Konkurrentinnen waren alle jünger. Am Ende bin ich noch Handbike oder Rennrollstuhl gefahren. Ich habe immer gesagt: ‚Oh, das sind ja meine Enkelinnen. Die sind alle so jung.‘
Gegen diese ganz jungen, ist es, glaube ich, besser, wenn man nicht mehr mitmacht. Man kann sich sonst tottrainieren. Man wird älter. Man kann sich nicht mehr mit jungen Leuten vergleichen, egal wie stark ich das will, da mache ich mich nur kaputt.
Beim 800-Meter-Rennen in Atlanta hat es leider geregnet. Und dann kam das Wasser ins Gesicht. Man konnte nicht mehr so richtig sehen und ich zuckte auch schon wieder.
Und Atlanta? Wann waren wir ein letztes Mal in den USA? Bevor Trump, glaube ich, 2015. Oder war es davor? Dann sind wir auch nach Atlanta gegangen und haben geguckt. Da war nichts mehr übrig von den ganzen Olympischen Spielen. Man konnte nichts mehr sehen. Wir waren schon mal in Barcelona, da war alles noch da. Aber in Atlanta war nichts. Und dann zum Schluss wollten wir schon rausgehen: ‚Ach, da ist ja nichts mehr.‘ Dann gingen wir raus. Zum Schluss haben wir was gesehen. Das war eine ‚Hall of Fame‘. Dann haben wir gedacht, wir gehen mal gucken, und haben meinen Namen gefunden. Auf diesen Steinen. Nur das haben die gelassen. Aber sonst ist alles weg.“