
Hans-Jürgen Meyer
*1946
Verleger
Als junger Mann reüssierte Hans-Jürgen Meyer auf der Mittelstrecke. 1984 gründete der Autodidakt den Meyer & Meyer Verlag, der sich auf Sachbücher im Gebiet des Sports konzentriert.
Kurzbiografie
- Geboren 1946 in Münsing (Oberbayern)
- 1959-1975 Olympischer Sport-Club Waldniel 1953 e. V. (Co-Vereinsgründer: Dr. Ernst van Aaken)
- 1961-1972 Deutsche Bundesbahn
- 1964 Bundesdeutscher Jugendmeister der Eisenbahner im Waldlauf (in der niedersächsischen Eisenbahnerstadt Lehrte) sowie Europameister der Eisenbahner über 800 Meter (in Lausanne)
- 1966-1972 Stolberger TV: Leichtathletik-Wart und -Trainer
- 1968-1976 Sachkundiger Bürger im Jugendwohlfahrts- sowie im Sportausschuss der Stadt Stolberg
- 1970-1975 LG Stolberg: Trainer
- 1972-1982 Stolberger TV: Geschäftsführer
- 1972-1976 Studium mit Abschluss: Diplom-Sozialpädagoge
- 1975-1986 Pädagogischer Leiter im Internat St. Benedikt Kornelimünster (Aachen)
- 1978-1990 Deutscher Leichtathletik-Verband: Mitglied im Jugendausschuss sowie bis 1984 Schülerwart sowie ab 1984 bis 1990 Kulturwart (im Jugendausschuss)
- 1984 Mit seinem Vater Johann Co-Gründung der Meyer & Meyer Fachverlag und Buchhandel GmbH (M&M) mit Sitz in Aachen
- 1988 Beitritt zur World Sport Publishers‘ Association (WSPA)
- 1991-1997 Exklusiv-Vertrieb der Bücher des Verlags Human Kinetics (aus Champaign, Illinois, USA) für Europa
- 2003 wird M&M laut Meyers Eigenangabe der größte Sportfachbuchverlag Europas
Hans-Jürgen Meyer über …
„Schon in der Volksschule hatten wir einen sehr aktiven Lehrer, der selbst sportlich war und später als Sportlehrer am Gymnasium unterrichtete. Er hat den Sport immer stark gefördert. Bei den Bundesjugendspielen mussten alle Schüler auch den 1000-Meter-Lauf absolvieren – das war also sehr interessant.
Da ich zunächst keinen besonderen Zugang zum Sport hatte, kam es immer wieder zu Gesprächen mit meinen Eltern. Unser Hausarzt, Dr. van Aken, der seine Hausbesuche stets mit dem Fahrrad machte, weil er keinen Führerschein besaß, sprach eines Tages mit ihnen über mich. Er meinte, ich wäre eigentlich sehr erfolgreich im Sport, aber sie sollten darauf achten, dass ich darüber meine Schulaufgaben nicht vernachlässige.
Offensichtlich hatte ich Talent, war aber sehr schmal und groß. Bei einer Körpergröße von 1,93 m wog ich gerade einmal 62 Kilo – mein sogenanntes „Kampfgewicht“. Ich erinnere mich, dass ich mit 16 Jahren für 14 Tage mit der Gewerkschaftsjugend nach Mallorca gereist bin. Als ich zurückkam, wog ich nur noch 59 Kilo. Dr. van Aken erschrak darüber so sehr, dass er meiner Mutter riet, mir täglich drei Eier zu geben – egal in welcher Form: Spiegelei, Rührei oder hartgekocht. Nach ein paar Wochen hatte ich mein Gewicht wieder erreicht.
Mit anderen Sportarten kam ich eigentlich nur durch den Schulsport in Berührung. Die Bundesjugendspiele fanden auch im Winter statt, dann mit Turnübungen – und das fiel mir als schlaksigem, großem und dünnem Jungen besonders schwer. Besonders in den Wintermonaten mussten wir bei Dr. van Aken in der Halle Gymnastik machen, was mir immer ein Gräuel war. Aber ich war eben eher ein Leichtathlet, mehr oder weniger.
Ich habe kein Abitur gemacht, sondern die Schule mit der mittleren Reife abgeschlossen, weil ich dachte: Mit dem Sport komme ich weiter. Alle, die im OSC Waldniel aktiv waren, waren sehr erfolgreich. Dieser Verein war zwar klein – wir hatten vielleicht 50 Mitglieder – aber jedes Jahr brachten wir fünf bis zehn deutsche Meister hervor. Immer im Laufbereich, von Mittel- bis Langstrecke.
Zu uns kamen auch viele bekannte Athleten zum Training. Einer davon war Roland Watschke, der mehrfach Deutscher Meister wurde. Oder Harald Norpoth – er kam jeden Mittwoch zu uns zum Training. Mit ihm musste ich auch Steigerungsläufe absolvieren. Allerdings war er drei Jahre älter als ich.“
„Der Sport spielte für mich eine ganz große Rolle – ich lebte ihn regelrecht. Dadurch hatte ich auch einen festen Bezugsrahmen und viele Freundschaften, vor allem mit anderen Vereinsmitgliedern. Die Schule war für mich eher zweitrangig.
Dann kam ich zur Bahn. Dort gab es jedes Jahr eine Direktionsmeisterschaft. Die Bundesbahndirektion Köln war für Aachen und auch für Mönchengladbach zuständig. Als Lehrling nahm ich an diesen Meisterschaften teil – und gewann natürlich immer mit großem Vorsprung den 1000-Meter-Lauf, der fester Bestandteil war. Meine Bestzeit lag bei 2:34,7 Minuten.
Daneben gab es natürlich noch andere Disziplinen. Ich habe mir zum Beispiel eine Kugel vom Verein mitgenommen und im Hinterhof trainiert, um beim Kugelstoßen wenigstens einigermaßen mithalten zu können. Mit meinem geringen Körpergewicht schaffte ich vielleicht vier oder fünf Meter – aber es ging mir darum, mich zu verbessern.
Früher war der Breitensport viel intensiver ausgeprägt als heute. In den Schulen wurde der Sport nicht nur gefördert, sondern auch gefordert. Der Sportunterricht war sehr intensiv, und es gab sogar spezielle Sportnachmittage zur Vorbereitung auf die Bundesjugendspiele, die eigentlich verpflichtend waren.
Mitte der 60er-Jahre gab es noch keine Kunststoffbahnen. Die erste am gesamten Niederrhein wurde am bischöflichen Gymnasium in Dülken gebaut. Da Kunststoffbahnen damals noch eine Seltenheit waren, wurden dort sogar die Nordrheinmeisterschaften – damals noch Niederrheinmeisterschaften – ausgetragen. Erst später folgten weitere Bahnen in Duisburg oder Oberhausen.
In Stolberg gab es zu der Zeit natürlich auch keine Kunststoffbahn, nicht einmal im Waldstadion in Aachen, das eigentlich ein recht großes Stadion war.
Ein weiteres Problem war, dass es in vielen Orten keine standardisierten 400-Meter-Bahnen gab. In Stolberg zum Beispiel war die Laufbahn nur 330 Meter lang. Wenn wir mit dem OSC Waldniel zu Wettkämpfen fuhren, fanden wir oft unterschiedlich lange Bahnen vor. In Süchteln, einem Stadtteil von Viersen, lag die Bahn auf den Süchtelner Höhen. Dort wurde jedes Jahr das Süchtelner Bergfest ausgetragen – allerdings auf einer 350-Meter-Bahn oder einer ähnlich „krummen“ Distanz. Das war damals gar nicht so ungewöhnlich.“
„Ich habe dann aufgehört – sehr zum Leidwesen meines Bahnhofsvorstehers. Ich war damals in Aachen-West tätig, einem der modernsten Rangierbahnhöfe Europas. Dort arbeiteten fünf Rangierkolonnen, und es kamen oft ausländische Besuchergruppen, die durch den Bahnhof geführt werden mussten.
Mein Bahnhofsvorsteher sprach zwar fließend Französisch – in Aachen keine Seltenheit –, aber mit Englisch tat er sich schwer. Also rief er immer: ‚Meyer! Kannst du mal rüberkommen?‘ Und ich übernahm die Führung der englischsprachigen Gruppen.
Während meiner Ausbildung bei der Bahn wurde ich in der Leichtathletik immer besser. Die Bundesbahndirektion Köln wurde auf mich aufmerksam und forderte mich an. Ich hörte auf, regulär zu arbeiten, und begann stattdessen vormittags im Rechenzentrum in Köln. Nachmittags wurde ich zum Training freigestellt.
Ich lief für die Bundesbahn-Nationalmannschaft und wurde als Jugendlicher Deutscher Waldlaufmeister. Damals war die Bundesbahn ein riesiger Arbeitgeber – heute hat sie vielleicht 200.000 Mitarbeiter, damals waren es mehr als eine halbe Million. Später wurde ich sogar Bahn-Europameister über 800 Meter in Lausanne, Schweiz. Die Bahn förderte mich sehr.
Allerdings gab es auch Widerstand. Der Personalchef der Bundesbahndirektion mochte es gar nicht, dass ich als Leichtathlet freigestellt wurde. Er selbst war Schiedsrichter in der Oberliga – es gab ja noch keine Bundesliga – und hatte wohl nicht dieselben Vorteile erhalten. Er versuchte mir Steine in den Weg zu legen, aber mein sportlicher Förderer in der Direktion war ein absoluter Leichtathletik-Fan.
Während der Ausbildung hatten wir sogar Sportunterricht, der von einem Bahnbeamten durchgeführt wurde. Wir gingen regelmäßig auf Sportplätze, oft auch auf eine Radrennbahn. Als Bundesbahnmitarbeiter hatten wir Freifahrten – wir konnten also problemlos überall hinfahren.
Jedes Jahr fanden Direktionsmeisterschaften und Deutsche Eisenbahnmeisterschaften statt. Einmal wurde in Augsburg die Deutsche Jugendmeisterschaft ausgetragen, an der alle drei Ausbildungsklassen teilnahmen. Unsere Mannschaft war stark – sei es im Prellball oder in der Leichtathletik.
Leichtathletik war damals die zentrale Sportart, mit Staffelläufen und Mehrkämpfen. Es gab einige außergewöhnliche Athleten bei der Bahn. Ich erinnere mich an einen deutschen Jugendmeister im Weitsprung, der mit nur 16 Jahren bereits 7,28 Meter sprang.“
„Wenn ich auf die 1960er- und 1970er-Jahre zurückblicke, hatte der Sport wissenschaftlich einen schweren Stand. Man konnte Sport zwar studieren, aber promovieren? Das ging noch nicht. Der erste, der das ermöglichte, war Ommo Grupe. Ihm zu Ehren gibt es heute sogar einen Ommo-Grupe-Preis bei uns im Verlag.
In den 1970er-Jahren begann die Verwissenschaftlichung des Sports erst richtig. Ich erinnere mich an einen Sportstudenten im OSC Waldniel. Unser Trainer, Herr van Aken, befragte ihn oft zu seinem Studium, während wir trainierten. So bekam ich viele Entwicklungen aus erster Hand mit.
1984 gründete ich meinen Verlag. Zu diesem Zeitpunkt gab es bereits Promotionen im Sportbereich und Professoren für Sportwissenschaften an vielen Universitäten. Die ersten Wissenschaftler dieser Generation – darunter Helmut Digel – waren später eng mit meinem Verlag verbunden.
Ein wichtiger akademischer Einfluss kam aus Graz. Dort gab es einen Professor, der als einer der ersten Sportwissenschaftler Promotionen durchführte. Ommo Grupe hatte wohl ebenfalls bei ihm studiert. Dieser Professor wurde anerkannt als ‚Vater der Sportwissenschaft‘.
Die wissenschaftliche Bedeutung des Sports nahm immer weiter zu. Für mich persönlich war es ein Glück, dass ich in diese Entwicklung hineinwuchs. Dann kam der entscheidende Moment: Human Kinetics.
Zusammen mit Jürgen Schiffer flog ich nach Chicago. Wir nahmen einen Mietwagen und fuhren zu Human Kinetics – dem größten Sportverlag Amerikas. Er wurde 1972 von Rainer Martens gegründet, einem Professor für Sportpsychologie an der State University of Illinois.
Martens hatte zunächst keinen Verlag gefunden, der seine Bücher veröffentlichte. In den USA ist es üblich, dass Verlage die Texte ihrer Autoren stark umschreiben – teilweise so stark, dass es nach deutschem Urheberrecht gar nicht zulässig wäre. Das war auch bei Human Kinetics üblich.
Als ich die riesige Halle mit den ausgestellten Büchern betrat, merkte ich nach zehn Minuten meinen Fehler: Ich hatte die Sportwissenschaft in meinem Verlag bisher nicht genug berücksichtigt! Ohne die Wissenschaft war es unmöglich, die gesamte Bandbreite des Sports zu erfassen. Nach nur 15 Minuten Gespräch mit Rainer Martens waren wir uns einig. Ich wollte Lizenzen direkt von ihm erhalten, nicht über eine Agentur. Er schlug etwas noch Besseres vor:
‚Weißt du was? Wir machen etwas ganz anderes. Du vertrittst Human Kinetics in Europa. Wir geben dir einen guten Rabatt, damit du die Buchhändler und Reisevertreter versorgen kannst. Und du vertreibst unsere Bücher in ganz Europa.‘
Für mich war das ein Glücksfall. Ab 1988 vertrat ich Human Kinetics in Europa – und mir wurde klar: Der Schlüssel zum Erfolg lag nicht nur in der Zusammenarbeit mit Professoren, sondern vor allem mit dem wissenschaftlichen Mittelbau. Also mit denen, die nicht nur schreiben, sondern auch praxisnah lehren konnten.
Ein entscheidender Moment war die Zusammenarbeit mit Weber, der 80 Mitarbeiter hatte. Er lud mich zu einem Wochenende an einen See in Ostbelgien ein, um über meinen Verlag zu sprechen. Das änderte alles:
Plötzlich hatte ich Zugang zu Experten wie dem griechischen Volleyball-Spezialisten Papa Giorgio. Er hatte für Bartels & Wernitz geschrieben, aber dieser Verlag ging gerade bankrott. 1988 kaufte ich den Buchbereich – und übernahm auch die Autoren.
Zuvor hatte ich bereits den Putty Verlag aus Wuppertal übernommen. Herr Putty wollte eigentlich nicht verkaufen, aber nach einem tragischen Unfall seines Sohnes – der den Verlag übernehmen sollte – entschied er sich doch dazu. Ich zahlte die Übernahme über fünf Jahre ab, denn wir waren damals nicht reich, hatten aber gute Verbindungen.
Nach meiner Rückkehr aus Illinois überlegte ich sofort, wie ich an weitere Autoren kommen könnte. Mir wurde klar: Die besten Kontakte finde ich international, nicht in Deutschland. Ich gründete deshalb noch im selben Jahr einen Wissenschaftlichen Beirat.
Vorsitzender wurde August Kirsch, dazu kamen Helmut Digel und Wolf-Dieter Brettschneider. Ich kannte sie alle von Kongressen und DVS-Tagungen. Dort hatte ich zwar nie viel Geld, aber immer einen Stand – und vor allem exzellente Kontakte.“
„Wir haben uns sehr breit aufgestellt – sowohl in der Sportwissenschaft als auch in der Zusammenarbeit mit Verbänden und Fachzeitschriften. Letztere haben sich mittlerweile fast vollständig in digitale E-Journals verwandelt. Der Verlag hat heute vielleicht noch fünf oder sechs Fachzeitschriften, von denen einige ebenfalls als E-Journals erscheinen. Die Verbände haben das inzwischen anders geregelt.
Ein großes Thema ist die Sportpolitik, die in Deutschland derzeit problematisch ist. Der Leistungssport erhält nicht annähernd die Förderung, die in unseren Nachbarländern üblich ist. Wenn ich zum Beispiel nach Belgien schaue – wir arbeiten eng mit belgischen Institutionen zusammen – sehe ich einen ganz anderen Ansatz.
Der langjährige Präsident der Freien Universität Brüssel, Paul de Knop, ist ein enger Freund von mir. Wir haben ihn oft privat im Urlaub in Bordeaux getroffen. Eine seiner Mitarbeiterinnen, Veerle de Bosscher, hat bereits zwei Bücher veröffentlicht, die sich mit der Entwicklung von Sportorganisationen und erfolgreicher Förderung des Leistungssports befassen. Ihre Forschung zeigt deutlich, dass Deutschland – ähnlich wie unsere Wirtschaft – auf einem absteigenden Ast ist. Unser Sportsystem ist möglicherweise nicht mehr zeitgemäß.
Dabei war Deutschland einst weltweit Vorbild für Sportförderung – ähnlich wie bei der berühmten Neckermann-Geschichte. Viele nationale Fördersysteme basieren ursprünglich auf dem deutschen Modell, das es früher in dieser Form gar nicht gab. Doch inzwischen wurden wir überholt – von den Australiern, den Belgiern und insbesondere von den Briten, die im Vorfeld der Olympischen Spiele 2008 massive Investitionen tätigten.
Ich hatte lange einen engen Kontakt zu Sebastian Coe, nicht nur als Leichtathlet, sondern auch als Verleger seiner Bücher und der seines Vaters. Zudem arbeiteten wir eng mit der IAAF zusammen und betreuten über viele Jahre die Zeitschrift New Studies in Athletics. Dafür flog ich alle zwei bis drei Monate nach Monaco, um Redaktionssitzungen abzuhalten und neue Buchreihen für die wichtigsten Leichtathletik-Sprachen zu entwickeln.
Doch seit meinem Rückzug hat sich das verändert. Die Zusammenarbeit mit der IAAF ist weg, und generell stehen viele Verbände vor tiefgreifenden Veränderungen – sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene.
Besonders spannend ist die Entwicklung neuer Sportarten. Während klassische Disziplinen wie die Leichtathletik zunehmend zur Randsportart werden, entstehen immer mehr neue Trendsportarten, die große Aufmerksamkeit auf sich ziehen.“