
Dieter Lagerstrøm |
*1944
Bewegungs- und Gesundheitsbeförderer
Unter der Ägide von Wildor Hollmann leitete der Norweger mit deutschen Wurzeln in den frühen 1970er-Jahren eine Trendwende in Bezug auf den Sport und das Training mit älteren und herzkranken Menschen ein. Zudem ist er Gründungsmitglied des Deutschen Verbands für Gesundheitssport & Sporttherapie e.V.
Kurzbiografie
- Geboren 1944 in Bischofswerda
- 1954-1964 Mitglied im Søgne IL und Søgne Sk (NOR)
- Ab 1959 diverse Trainertätigkeiten im Gesundheitssport Fitness und der Sporttherapie
- 1964 – heute Mitglied im Mandal Golfklubb (NOR)
- 1965-1968 Studium an der DSHS Köln: Dipl.- Sportlehrer
- 1968 -1970 Sportlehrer an der Folkehøyskole (Volkshochschule) in Gol (NOR)
- 1969-1970 Leitung einer Skischule in Gol (NOR)
- 1970-1973 Sportlehrer an der Anna-Schmidt-Montessori-Schule in Frankfurt
- 1973-2005 im Hochschuldienst der DSHS; u.a. im Institut für Kreislaufforschung unter Wildor Hollmann
- 1983-heute Gründungsmitglied des Deutschen Verbands für Gesundheitssport & Sporttherapie e.V., bis 1992 erster Vorsitzender und heute Ehrenvorsitzender
- 1983-1993 Gründer von Zeitschriften wie „Herz, Sport und Gesundheit“ und 1985 „Sporttherapie“ (seit 2004: „B&G – Bewegungstherapie & Gesundheitssport“)
- 1987 Sportehrenurkunde der Stadt Köln
- 1994-2000 Deutscher Repräsentant des European Network Fitness Committee
- 1992-2000 Leiter des Instituts für Prävention und …
- 1995-2014 Assistenzprofessor am Institut for Idrett, Universität Agder Norwegen
- 1996 Gründungsmitglied u. a. der European Fitness Association und der RAL Gütegemeinschaft Gesundheitssportzentrum e. V. sowie des Kölner Vereins für Marathon e.V.
Dieter Lagerstrøm über …
„Köln ist meine berufliche und sportliche Heimat geworden. Damals wollte ich nur Sport studieren. Weiter habe ich eigentlich nicht gedacht. Zum Schluss kamen vier Wahlmöglichkeiten: Entweder Magglingen in der Schweiz, weil ich gerne Skilaufen wollte, zum zweiten Oslo und zum dritten Köln – und ich muss auch München nennen, das kam auch in Frage. Aber dann bekam ich von Köln sehr gute Informationen und habe mich da sehr wohl aufgehoben gefühlt.
Die Sporthochschule in Norwegen war damals auch nicht weltberühmt, sondern eher eine regionale Angelegenheit. Und so habe ich Köln einfach aus dem Bauch und ohne weitere Hintergedanken gewählt.
Als ich die Aufnahmeprüfung bestanden habe, war das für mich eines der größten Ereignisse in meinem Leben. Ich glaube, wir waren 28 Ausländer, und acht, glaube ich, hatten dann bestanden. Ich hatte das Glück, auch zu bestehen. Wir waren ein paar Skandinavier, zufälligerweise war da noch ein Norweger. Ich glaube, es gab nur drei, vier Norweger, die damals in Köln studiert haben. Wir haben beide bestanden und waren im Siebten Himmel. Und diese drei Studienjahre von 1965 bis 1968, die wir damals hatten, waren für mich eine ganz tolle Zeit.
Das Ganze hat mich eigentlich sehr beeindruckt und auch geprägt. Es gab damals auch so verschiedene Sachen, die es so in der Form heute wahrscheinlich nicht mehr gibt.
Wir haben einen Hollmann-Fanclub gehabt. Es gab mehrmals im Semester Gastvorträge von sehr prominenten Trainern und Betreuern, und das waren unsere absoluten Highlights an der Hochschule. Ich glaube, so mein Jahrgang, vielleicht ein bisschen später, da hatte man das Gefühl: Das ist eine Sporthochschulfamilie. Die Hochschule war für uns aus meiner Sicht sehr prägend.
Also, beide Diems sind für mich nach wie vor absolute Vorbilder. Liselott Diem habe ich ja persönlich kennengelernt und hatte zu ihr auch zeitweise eine relativ enge Beziehung. Wir haben sogar bei ihr zu Hause überlegt, dass wir im Rahmen des Gesundheitssports etwas machen – daraus ist nichts geworden, aus welchen Gründen auch immer. Sicherlich auch, weil ich an der Sporthochschule, wo ich dann bei Hollmann später gelandet bin, die ganze Geschichte eigentlich über das Institut mitaufgebaut habe. Und daraus hat sich wahrscheinlich ergeben, dass es mit Liselott nichts Weiteres wurde.
Am Anfang habe ich in Lövenich gegenüber von Willy Millowitsch bei einer Frau Fischer gewohnt. Das war mein Nachbar und dort habe ich sozusagen die Kölsche Mentalität sehr hautnah erlebt. Da war immer Remmidemmi am Wochenende. Ich durfte dann nachher im zweiten Semester für ein Jahr ins Wohnheim umziehen. Und an dem Campus der Sporthochschule hatten wir ja dann ein super Milieu. Jeden Sonntag war Kicken angesagt. Das war auf dem damaligen Platz innerhalb des Campus. Wir haben gemeinsam in den Küchen gegessen. Da habe ich von den Burmesen, wie es damals hieß, gelernt, wie man mit dem Daumen das Essen zum Munde führt. Ich habe also vollkommen andere Kulturen kennengelernt – eine tolle Zeit.
Und es war für mich persönlich so bereichernd, dass ich mir da eine Griechin als Frau herausgesucht habe. Wir haben zusammen studiert und 1971 geheiratet. Ich kam ja 1970 wieder nach Deutschland. Ich bin dann drei Jahre in der Schule in Frankfurt gelandet, unter anderem auch in einer Montessorischule. Und als wir dann 1971 heirateten und ich dann unbedingt nach Köln wollte zum Studieren, was schon 1970 sein sollte, sind wir dann 1973 nach Köln gezogen. Und in dem Monat, bevor wir umgezogen sind, haben wir unser erstes Kind gekriegt und sind dann in Köln geblieben. Und so, wie es im Leben kommt, habe ich dann eine Stelle an der Sporthochschule gekriegt. Es wurden dann zwei Kinder und die wurden dann in die Schule in Köln geschickt. So sind wir in Köln geblieben und wollten in Deutschland auch nicht mehr umziehen, weil wir ja seit 1970 immer gependelt sind zwischen Norwegen, Deutschland und Griechenland.“
„Ich bin und bleibe Sportlehrer und Praktiker. Ich durfte bei diesem Seniorenprojekt bei Hollmann für 55- bis 70-jährige Männer mithospitieren. Ich habe gefragt: ‚Darf ich da mal abends mitmachen?‘ Fünfmal die Woche haben wir diese Männer trainiert, und als die erste Gruppe nach einem halben Jahr fertig war, da habe ich naiv gefragt: ‚Und was ist jetzt?‘ ‚Nun ja, das Projekt ist beendet.‘ ‚Ja, und was machen die von uns trainierten Männer?‘ ‚Ja, wir hoffen, dass die weitermachen.‘ Da habe ich gesagt: ‚Sollen die jetzt einfach nach Hause gehen?‘ Und da habe ich gesagt: ‚Dann mache ich das abends zweimal die Woche weiter!‘ Und dann ist das System mit dem Sport- und Bäderamt entstanden, dass die da als Gruppe integriert wurden. Und so wurden auch die Herzgruppen in Köln beim Sport- und Bäderamt integriert. Nicht nur als Modellprojekte an der Sporthochschule und Forschung, und dann ist Schluss, sondern zu versuchen, das als dauerhafte Aktivität den Menschen zugänglich zu machen.
Wir haben jedes Mal, auch beim ersten Projekt, im Kölner Stadtanzeiger einen Aufruf gemacht. Dann saßen immer 300-400 Leute im Hörsaal 1 und wollten mitmachen. So war das damals. Die Sporthochschule hat in Köln auch einen sehr guten Namen. Er war wie ein Magnet. Teilnehmer für irgendwelche Aktionen zu kriegen, war nie das Problem, im Gegenteil. Wir hatten eher das Problem, dass man viele abweisen musste. Man muss schlicht und einfach in diesem Zusammenhang auch sagen: Hollmann ist eine Koryphäe gewesen, und der Name hat sich von alleine verkauft.
Ich war ein ganz kleines Licht zu der damaligen Zeit. Das heißt, ich war der Sportlehrer. Zu der damaligen Zeit war die Sportmedizin ausschließlich von Medizinern geprägt. Sie ist es eigentlich heute weitestgehend auch. Wir haben zwar die Sportwissenschaft seit den 1970er-Jahren parallel dazu gekriegt, aber wir sind in Deutschland in der Sportmedizin weitestgehend noch auf den Mediziner fixiert.
Der Seniorenbereich war in Deutschland schon relativ ausgeprägt. Wandern ist ja eine sehr typisch deutsche Tugend. Es ist nach wie vor mit das, was Menschen in Deutschland am meisten anspricht, wenn es um bewusste körperliche Aktivitäten in der Freizeit geht. Wir untersuchten in dem Institut, welche Effekte es bei körperlichen Aktivitäten bei älteren Menschen gibt. Also, ältere Menschen, das waren damals 55- bis 70-Jährige. Die Frage war: Sind sie überhaupt trainierbar? Genau dieselbe Frage gab es damals mit Kindern: Sind Kinder unter zehn Jahren trainierbar? Das war die Frage, die damals angegangen wurde.
Das Ergebnis war, dass nachher ein Film entstand, mit dem Titel: „20 Jahre 40“. Das war im Grunde genommen, was aus diesen Forschungsergebnissen herauskam. Seit damals ist es im Grunde wissenschaftlich bewiesen, dass auch nicht ganz junge Menschen durchaus sehr gut trainierbar sind.
Eigentlich war der Weg so nicht vorgezeichnet. Ich wollte ja eher mit normalen, nicht-kranken Menschen arbeiten. Also, normale körperliche Aktivitäten und Friluftsliv-Sport machen. Aber es hat sich im Institut eine Entwicklung ergeben. Wir wollten uns mit dem Bereich der Patienten beschäftigen, Herz-Kreislauf-Patienten insbesondere. Und dann sollte ich, weil ich ja bei Hollmann und Jochheim promoviert habe, mit den Herzpatienten arbeiten. Das war quasi die logische Schlussfolgerung der Arbeit, die mit den Senioren begonnen wurde. Und vorgesehen war, dass ich dann an der Rehaklinik in Roderbirken meine Arbeit machen sollte und dort die Anstellung als Sportlehrer habe. Das ist dann nichts geworden, weil der Verwaltungschef entdeckt hat, dass, wenn er einen Diplomsportlehrer einstellt, er 2 B bezahlen müsste, und Bewegungstherapeuten werden höchstens mit 4 oder 5 BAT bezahlt. So habe ich die Stelle nicht gekriegt, und so hat der Hollmann mich aufgenommen und dann haben wir das im Institut realisiert.
Mit Herzsport war es damals so: Wir haben natürlich auch mit Hausärzten Kontakt aufgenommen. Der Richard Rost war ja dann als Kardiologe für diesen Bereich zuständig. Und so gab es ein Gemisch aus Öffentlichkeitsarbeit und der Zusammenarbeit mit den Ärzten. Das Thema der Patienten bleibt immer heikel, wenn es um neue Therapien und neue Verfahren geht. Und da wollten wir so gut wie möglich abgesichert sein. Wir haben uns nach dem Prinzip ‚Lieber zu wenig als zu viel‘ – langsam herantastend – und die Therapie entwickelt – das war auch gut so! Deswegen haben wir auch Zehntausende von Untersuchungen in allen möglichen Praxisbereichen gemacht, damit wir belegen können, wie die Belastungssituationen sind, und haben da auch wirklich Überraschungen erlebt, die man erst sieht, wenn es an die Zahlen und Messdaten geht. Dass man da manchmal Dinge übersieht, die man ohne solche Verfahren nicht entdeckt. Und das hat auch natürlich die ganze Entwicklung geprägt. Denn vieles wurde damals, Anfang der 70er-Jahre, mit Herzpatienten gemacht, wo man heute die Hände über den Kopf schlagen würde und sagen würde: ‚Kann doch nicht sein, dass man so was macht!‘ Zum Beispiel so etwas Simples wie Seitgalopp. Das sind Belastungsgrößen von 150-300 Watt. Das sind also Belastungsgrößen, die kein Herzpatient im Rahmen einer Therapie über sich ergehen lassen muss oder sollte.“
„Laufen ohne zu schnaufen ist ein Grundprinzip. Und mein Herz hing immer an der Implementierung, nicht an der Forschung.
Ich habe auch sehr gerne die Forschungsaktivitäten betrieben, die mich interessierten. Aber die Implementierung war immer wichtig, und deswegen war mein Herz immer an der Bewegung außerhalb der Sporthochschule. Deswegen haben wir mit Studenten und ein paar Dozenten im Jahr 1983 den Deutschen Verband für Gesundheitssport und Sporttherapie gegründet, um das Berufsfeld des Sporttherapeuten zu etablieren. In Köln hatten wir eine sehr gute sportliche Zelle, auch durch die Stadt und die Kommune. In den 1980er-Jahren wurde sich lange Zeit bemüht, hier einen Marathon als Aushängeschild zu machen. Der Knoten ist erst dann geplatzt, als bei Ford der Pressesprecher Marathonläufer war. Plötzlich gab es dann Geld in der Kasse, das heißt, es gab ein Investitionsgeld, um einen Marathon überhaupt planen zu können. Dann habe ich das Glück gehabt, dass ich da mitmachen durfte. Wir hatten eine starke Dreiergruppe: Michael Mronz und noch jemanden in der Stadt Köln, der im Rat stand. Zu dritt haben wir eigentlich das Grundkonzept aufgestellt. Ich habe das, ich sage mal, läuferische Grundkonzept erarbeitet, bezogen auf die Rahmenbedingungen.
Und ich habe gesagt: ‚Wenn man in Köln einen Marathon macht, das finde ich super. Aber dann muss es ein Kölscher Marathon sein.‘ Und das Einzige, was in Köln mit Garantie laufen kann, ist Fete machen – also müssen wir einen kölschen Marathon machen!
Die Grundidee war: 42 Kilometer laufen. ‚Was machen wir?‘ ‚Ja, wir müssen 42 Bands haben.‘ Pittermännchen bringen die selber mit. Am Anfang, als ich diese Ideen hatte, haben die alle gelacht: ‚Der Spinner!‘ ‚Wir machen hier Leichtathletik und Laufen.‘
Zuschauer waren ein Grundkonzept vom Köln Marathon. ‚Und wie kriegen wir das?‘ Da habe ich gesagt: ‚Es ist doch ganz einfach – Schulen! Wir machen Aktionen mit der Schule. Dann wissen alle Kölner Bescheid, und dann kommen die auch.‘
Aber das durfte ich bis zum dritten Marathon nicht machen. Und warum? Weil der Dezernent gesagt hat: ‚Nein, die Schulen machen nicht mit.‘ Da habe ich gesagt: ‚Das ist doch mein Problem. Wenn ich falsch liege, dann liege ich falsch, nicht die Schule.‘ Und beim dritten Marathon haben wir dann die Schulen auch mitgekriegt. Das heißt, da haben wir ein Ausbildungskonzept für die Lehrer gemacht. Die Bedingung war, dass jede Schule, die bei den Ekiden-Staffeln mitmachen möchte, zuvor in der Schule mit 50 % der Schüler, 4,2 Kilometer, also einen Mini-Marathon absolvierte. Und das musste der Rektor unterschreiben, und das mussten die zur Anmeldung mitbringen. Das war unser Schulkonzept. Erst laufen in der Schule und dann dürfen die beim großen Marathon in der Ekiden-Staffel mitlaufen. Das wurde längst wieder abgeschafft, aus welchen Gründen auch immer. Das heißt, auch wenn man versucht, Dinge zu implementieren, hängt das davon ab, ob auch Menschen da sind, die diese Dinge weiterführen und für gutheißen – sonst stirbt es.
Die Grundidee des Köln Marathons war aus meiner Sicht: Jeder kann einen Marathon laufen, wenn er einigermaßen fit ist. Er darf nur nicht zu schnell laufen.
Wir hatten dann beim ersten Köln Marathon ein Projekt, wie wir das fast immer gemacht haben, in dem über 200 Kölner Anfänger angefangen haben. Wir haben das, weil es keine Zeit mehr gab: ‚333 Tage zum Marathon‘ genannt, und dann sind 184 von diesen Teilnehmern gestartet und 184 sind ins Ziel gekommen. Dadurch haben wir im Grunde genommen bewiesen, dass jeder Jeck, um das in der kölschen Sprache zu formulieren, auch Marathon laufen kann. Er muss nur den Kopf gebrauchen. Das muss er lernen. Von sich aus haben wir heute so wenig Bewegungserfahrungen, dass es von alleine bei den meisten wahrscheinlich nicht geht.“
„In Bezug auf die Entwicklung des Verhaltens unserer Gesellschaft war ich immer für alle positiven Aktivitätsbereiche und habe an der Sporthochschule schon in den 1980er-Jahren Fitnesskurse und Seminare gegeben. Das war dann aber in einem kommerziellen Fitnessstudio, weil wir nichts dergleichen hatten, wo wir das den Studenten beibringen konnten. Ich war immer sehr dafür.
Weil ich in den 1970er- und 1980er-Jahren in diesem Bereich relativ aktiv war, hat mich der Deutsche Sportbund zu meiner Überraschung im Jahr 1994 als deutschen Repräsentanten für eine Europakommission ausgewählt, welche die Spielregeln für Fitnesscenter erarbeiten sollte. Das haben wir gemacht. Sechs Jahre lang, bis 2000. Wir haben ganz klare Spielregeln im Auftrag der EU beschrieben. Diese sind dann verankert und in eine europäische Vereinigung transferiert worden, was heute auch so funktioniert. Die Regeln sollten für Europa gelten.
Denn als Europa gegründet wurde, hatte man ja den Sport vergessen. Der war ja eine freiwillige Institution und keine politische. Und er war gesellschaftlich verankert und freiwillig. Und dann hat man im Nachhinein den organisierten Sport für Spielregeln für die Ausbildungen und Trainerqualifikationen hinzugezogen. Das hat man dann gemacht, aber damals hat man auch den Fitnessbereich vergessen. Und in den 1980er-, Anfang der 1990er-Jahre kam der Fitnessbereich aus Amerika rüber und fing europaweit an. Dann hat man gesagt: ‚Hier müssen wir das auch machen.‘ Und das haben wir dann gemacht. Als ich dann ausgestiegen bin, habe ich gedacht: Jetzt bin ich fertig, jetzt haben wir einen europäischen Verein, mein Job ist gemacht. Meinerseits habe ich viele Fitnesspäpste in Deutschland – das war im Jahre 2000 – zu einer Informationsveranstaltung in Frankfurt eingeladen. Wir haben uns ausgetauscht und alle haben genickt und alle sind nach Hause gegangen, um genau das Gegenteil zu machen. Und heute hat Deutschland in diesem Bereich eigentlich nichts mit Europa zu tun. Die machen alles, was sie wollen. Deswegen gab es auch aus meiner Sicht diese nicht koordinierte Entwicklung im Fitnessbereich. Der Fitnessbereich ist auch nicht besonders hoch angesehen. Er ist sehr populär. Kommt gut an bei denen, die das machen, aber rein gesellschaftlich betrachtet. In der Öffentlichkeit steht er vielleicht sogar in der Konkurrenz zum Deutschen Olympischen Sportbund, der politisch verankert ist.“
„Aus meiner Sicht würden wir uns hier an den naturgegebenen Gesetzmäßigkeiten orientieren. Und da gibt es zwei Grundprinzipien. Das eine Prinzip, worauf wir im Bewegungsbereich ja immer rumtanzen, ist das Stimulusprinzip. Wir müssen uns aktivieren und wir müssen aktiv sein und trainieren, damit was bei rumkommt – vollkommen richtig. Aber der Mensch wird nicht zuletzt auch durch das Ökonomieprinzip gesteuert. So einfach wie möglich viel Geld verdienen oder so wenig wie möglich sich bewegen. Das haben wir immer angestrebt: Das Rad erfunden, die Maschine erfunden. Und jetzt haben wir es geschafft. Nur: Jetzt haben wir uns selbst auf der linken Spur überholt. Warum? Jetzt haben wir uns so weit weg von dem Stimulusprinzip entfernt, dass es nicht mehr geht. Jetzt werden wir krank. Früher wurden wir krank durch nicht bewältigbare Krankheiten oder Unfälle oder sonstiges. Heute werden wir krank durchs Nichtstun. Und wenn wir alleine diese zwei Prinzipien verstehen und umsetzen würden in unserer Gesellschaft, dann wären wir ja meilenweit voran. Aber wir haben die Grundlagen vergessen, weil die Technologie so weit fortgeschritten ist und die Manipulationsmöglichkeiten durch die Medien so weit gediehen sind, dass wir sogar Lügen glauben. Und in Amerika darf man ja als Präsident machen, was man will, Hauptsache, die Leute glauben es und wählen mich. Das heißt also, wir sind abgedriftet von der grundlegenden Voraussetzung dafür, dass der Mensch auch funktioniert.
(…) Es ist ja unglaublich, dass wir zulassen, dass wir in Deutschland derzeitig rund 10 Millionen ‚Altersdiabetiker‘ haben. Aber schon so ab fünf Jahren aufwärts. 10 Millionen sind diabetisch erkrankt, weitestgehend dadurch, dass sie nichts tun. Alle, die damit zu tun haben, wissen es. Aber tun wir was? Nein. Und genau das ist der Punkt. Wir sind so verwöhnt und sehen im Grunde genommen in vielen Bereichen nicht die Notwendigkeit. Es läuft ja auch so, das ist aus meiner Sicht der Punkt, der irgendwann jetzt kommt: ‚Es geht nicht mehr, wir können es nicht mehr zahlen.‘ Und in dem Moment, wo man nicht zahlen kann, da werden die Probleme nicht bewältigt. Und dann muss man umschalten, umdenken und neue Handlungskonzepte umsetzen. Ich glaube, da haben wir in der Zukunft sehr viel zu tun.
Ich würde mich unglaublich freuen, wenn im Bereich der Sporthochschule, dort, wo qualifizierte Leute für ihren zukünftigen Beruf ausgebildet werden, von mir aus die Theorie zugunsten der Praxis etwas verändert wird. Denn körperliche Aktivitäten, Bewegung und Sport hängen von Aktivitäten ab und nicht von der Theorie dahinter. Früher haben die Menschen sich ohne theoretische Kenntnisse vernünftig bewegt, heute tun sie es trotz theoretischer Kenntnisse nicht. Da ist ein Missverhältnis, was aufgedröselt werden müsste.“