
Monique Janotta
*1945
Prima Ballerina und Ballettmeisterin
Ausgebildet an den renommiertesten Ballettschulen in Frankreich, fand Monique Janotta Ihren Weg an die Deutsche Oper am Rhein, wo sie lange Zeit die Erste Solotänzerin darstellte. Nach ihrer aktiven Tanzkarriere wirkte sie als Ballettmeisterin und Trainingsleiterin, um ihr Wissen an die nächste Generation weiterzugeben.
Kurzbiografie
- Geboren 1945 in Paris
- 1952 erster Ballettunterricht an der „Académie Serge Lifar“ unter Léone Mail
- 1959 Eintritt in das Konservatorium (Conservatoire de Paris)
- 1961-1962 Engagement im Balletensemble des Marquis de Cuevas
- 1965 Anstellung als 1. Solotänzerin am „Grand Théatre de Geneve“
- 1970-2010 Deutsche Oper am Rhein (u.a. Arbeit mit Erich Walter)
- 1993 Janotta wird durch den französischen Kultusminister Jaque Lang zum „Chevalier des Arts et des Lettres“, d.h. zur Botschafterin der französischen Kultur in Deutschland ernannt
- 1998-2010 Ballettmeisterin unter Youri Vàmos an der Deutschen Oper am Rhein
- Seit 1996 Ehrenmitglied der Deutschen Oper am Rhein
Monique Janotta über …
„Die Schule war ganz separat. Das heißt, ich hatte vormittags die Grundschule und später am Nachmittag Schule für Künstler.
Ich war damals 14 Jahre alt, als ich mit der Schule aufgehört habe. Können Sie sich vorstellen, was das bedeutet? Ich habe da gerade dieses Certificat d’études bekommen. Das war das wenigste, was man bekommen kann. Das heißt, es war eine große Verantwortung für meine Eltern. Denn wenn es nicht klappt mit dem Ballett, dann hatte ich keine Education – nicht so wie jetzt.
Viele Schauspieler: Depardieu, Belmondo, alle sind sehr früh weg von der Schule. Das waren andere Zeiten. Das einzige, was mein Vater mir gesagt hatte, war: ‚Du entscheidest selbst.‘ Aber ich sage: ‚Ja, das ist schon ein Risiko.‘ Und das war es auch. Aber dann bin ich ins Conservatoire de Paris gekommen.
Wenn man dann mit dem ersten Preis vom Conservatoire rauskommt, dann kann man direkt in die ‚Opéra de Paris‘ in das ‚Corps de Ballett‘ gehen. Ich war aber gerade 16 Jahre, was eigentlich schon früh ist. Ich hatte auch noch nicht diesen ersten Preis.
Aber meine Lehrerin sagte: ‚Es gibt in Paris Roland Petit, das ist eine Ballettcompagnie, und das ‚Grand Ballet du Marquis de Cuevas‘. Das war der Marquis. Und er war verheiratet mit einer Rockefeller. Sie kennen vielleicht den Namen. Und das war die größte Compagnie der Zeit und absolut fantastisch. Und meine Lehrerin sagte: ‚Monique, geh mal vortanzen.‘ Weil ich immer sehr schüchtern war. Denn ich habe sehr viel gelitten in dieser Atmosphäre in der Oper im Conservatoire. Da ist immer sehr viel Kampf. Das war gar nichts für mich. Dann bin ich erst zu Roland Petit gegangen. Er hatte gesagt: ‚Ja, ich kann dich nehmen.‘ Aber Roland hatte schon einen Spezialstil. Er war schon fordernd. Und dann bin ich zu Cuevas zum Vortanzen, das war im Théâtre des Champs-Élysées. Ich bin reingekommen und da waren dann 200 Kinder.
Ich wollte nur sagen, dass es für mich immer eine Befreiung war. Ich war dann gar nicht mehr schüchtern. Das hatte sich dann total gelöst. Das machte mir nichts aus. Ich gehe meinen Weg. Ich mach mich frei. Am Ende waren wir drei Ballerinen, die ausgesucht wurden.“
„Plötzlich stehe ich da in dieser Altstadt mit einem Koffer und keinem Wort Deutsch – nicht ein Wort, außer: ‚Ich bin müde.‘
Ich dachte: Ich nehme meinen Koffer und gehe nach Hause, dieses einsame Gefühl. Plötzlich dieses Auf-sich-alleine-gestellt-sein. Meine Freunde waren auch nicht da. Und ich fühlte mich wirklich allein – das muss ich sagen. Aber ich bin dann am nächsten Morgen schon in die Probe mit der ganzen Compagnie gegangen. Und ich muss sagen: Es war sehr schön. Die Leute waren sehr freundlich. Ich habe nicht das Gefühl gehabt, dass die Leute gucken. Ich habe mein Training gemacht wie immer, und es war sehr schön.
Und dann kam die Probe. Die Probe war mit Herrn Walter und Frau Marsalowa . Es war wirklich super, weil er die Frau Marsalowa hatte. Sie war vielleicht mehr für die Technik. Den Arm, den Fuß, denn sie müssen verstehen: Im Ballett ist alles Arbeit. Die Füße, die Zehen, die Schuhe, die Kraft und die Arme, der Kopf und der Rücken – alles ist so wichtig. Man sieht das nicht mehr. Wichtig ist, wenn man tanzt, immer das Gefühl zu haben.
Für das Publikum ist es schön. Es sieht so leicht aus. Man weiß nicht, was dahintersteckt, bis man dahin kommt.
Und wollte ich nur sagen, mit Herrn Walter, was mich fasziniert hatte war, dass er in seinen Choreografien nie eine Geste ohne Bedeutung gemacht hatte. Es bedeutete immer etwas. Alles hat eine Bedeutung. Und das hat mir ganz häufig eine Vision gemacht. Und zwar, dass man im Tanz nicht nur dahin springt und so, sondern warum man das macht. Das machte das Ballett auch interessant nachher. Und ja, mit der Sprache war es natürlich schwieriger. Aber viele sprechen Englisch, ein paar französische Tänzer waren auch da. Herr Walter spricht sehr gut Französisch. Ich habe ihn wirklich geliebt.
Wir gingen nach der Arbeit nie zusammen. Und nein, es ist auch immer so geblieben. Aber ich habe verstanden, was er braucht, was er möchte. Und er wusste es auch ganz genau, manchmal noch mehr als ich.
Er hat ein Stück gemacht, es hieß ‚Symphonie fantastique‘ und da war eine Szene, wo diese Frau am Ende dieses Sabbats von der ‚Symphonie fantastique‘ eine Echse sein sollte. Und er hat das für mich alleine choreografiert, in einem kleinen Ballettsaal, und es war schon eine extreme Choreografie. Also was ich überhaupt nicht war: So dieses Aggressive und Hässliche. So dass ich dachte: Mein Gott, was mache ich damit? Und er hat das gespürt, dass er das kriegen würde. Gut, das war okay. Und dann kommt der Tag. Da musste man vor dem ganzen Ensemble auftreten. Ich dachte: Nein, das schaffe ich nicht.
Aber dann ist man direkt in der Musik, in der Erklärung von ihm. Und dann hatte das für mich einen neuen Weg gemacht, weil ich vorher nie dachte, dass ich das machen könnte.
„Wir hatten immer einen Ballettpädagogen, entweder fest am Theater oder als Gast eingeladen. Der gab das Training. Dann müssen wir machen, was er sagt. Und dann konnte er Korrekturen machen und so. Und dann habe ich trotzdem in Düsseldorf angefangen, viele alleine zu arbeiten. Ich bin in den Ballettsaal gegangen und habe jeden Abend alleine mein Warm-up gemacht und dann das Stück probiert und die Technik. In dem Moment, wo ich viel alleine gearbeitet habe, habe ich viel gelernt – auch für mich selbst. Ich dachte immer: Man kann ja in den Spiegel gucken, aber es ist auch nicht gut, wenn man sich immer im Spiegel angucken muss, denn das ist eine Abstraktion. Wenn man nach Gefühl geht, muss man nicht zu viel gucken.
Am Ende meiner Karriere habe ich in ‚Les Troyens‘ von Berlioz unter Christof Loy gespielt. Und dann war da eine Partie für die Frau von Hector. Die Frau von Hector kommt rein und Hector ist gestorben. Und sie kommt rein in einem schönen Kleid. Ich hatte dann, ich weiß nicht wie lang, vielleicht zehn Minuten, fünfzehn Minuten einen Auftritt und ich singe. Und der Herr Loy hat das so schön hingestellt. Es gibt einen Moment, da ist die Bühne und ich stehe im Profil, sitze mit Sonnenbrille und bewege mich überhaupt nicht. Und dann ist da der Chor, der da singt. Dieses Gefühl, diese Musik, das vergesse ich nicht. Es waren sehr schöne Erfahrungen mit Herrn Loy.
Mein Leben hier war immer verbunden mit Tanz. Wenn man aktiv in diesem Beruf ist, dann hat man nicht so viel Zeit, um Tourismus zu machen. Man kommt nach Hause, ganz kaputt, und schon denkt man an die nächsten Tage.
Aber ich war zum Beispiel in Berlin und habe auch in Berlin getanzt. Und dann war ich auch in der Deutschen Oper und dann in der Komischen Oper mit diesen schönen Choreographien. Dann kam ich nach Köln, hier mit Jochen Ulrich. Und dann nachher auch viel nach Essen. Und dann in Dortmund, das war alles im Theater. Hamburg habe ich auch gesehen. Es war immer alles verbunden mit Tanz, mit Ballett.
Jochen Ulrich hat in Köln super Vorstellungen gemacht. Er hatte so schönes Ballett – tolle Menschen auch. Darum habe ich immer Angst, dass ich jemanden vergesse. Es ist schon eine lange Zeit her.
Ich habe vergessen: Ich habe sehr viel in Italien getanzt mit Paolo Bortoluzzi, der auch hier eine Zeitlang Ballettdirektor war, dann ist er leider gestorben. Ich liebe auch Italien.
Ich liebe alte Theater, weil ich finde, man geht rein und es riecht nach Kultur, was da alles passiert und so.
Aber ich muss sagen, es gibt so moderne Theater, die fantastisch sind. Zum Beispiel Aalto Theater in Essen. Man sieht überall sehr gut. Es ist so perfekt gemacht.
Oder in Gelsenkirchen, da ist ein super Theater. Ich bin nicht gegen moderne Sachen, wenn sie gut sind. Es ist genauso mit modernem Tanz: Es gibt so modern Contemporary Dance Theater. Gut, ist nicht ganz mein Liebling, aber wenn es gut gemacht ist. Es passiert so viel Neues.“
„Ja, die Welt des Balletts hat sich wahnsinnig entwickelt. Wenn wir jetzt alte Filme gucken, dann sagen wir von Nijinsky – da existieren kleine Stückchen – dann denkt man: Nein, das kann nicht sein. Das kann nicht Nijinsky sein, der tollste Tänzer, weil sich der Tanz so stark entwickelt hat. Aber auch die Technik.
Man geht durch das Leben, immer Jahr für Jahr weiter. Die wichtigen Momente im Leben, wie zum Beispiel, als ich diese Lehrerin kennengelernt habe, die mich wie modelliert hat. Und dann in Paris am ‚Conservatoire‘ und da war dieses ‚Ballett de Cuevas‘. Da hat die professionelle Karriere richtig angefangen. Von da an waren es immer neue Erfahrungen.
Düsseldorf war für mich auch ein Moment. Und Düsseldorf bis jetzt, da hat sich auch sehr viel geändert. Aber ich mache mir keine großen Gedanken. Ich will nicht anfangen mit Psychologie: Das war gut, und das war schlecht. Das hat für mich einfach immer Freude gemacht.
Einer jüngeren Monique würde ich sagen: ‚Liebst du wirklich dieses Tanzen? Liebst du das so sehr, dass du wirklich alles Andere weglassen willst? Nur das? Tag und Nacht und Stunden um Stunden. Wenn ja, dann ist die Tür offen.
Wenn du als Anfänger ein bisschen Wehwehchen hast oder der Lehrer streng mit dir ist. Da gibt es viele Kinder, die gehen dann zur Mutter – so ist die Mentalität. Aber ich glaube, die Liebe ist die Liebe. Die Liebe, was zu machen. Egal welcher Beruf es ist. Gilt gerade für die Sportler. Die müssen das auch mit Liebe machen. Das ist einfach enorm, was sie machen.
Die richtig großen Häuser in London, New York und Berlin, denen würde ich wirklich raten, diese Tradition zu behalten. Das ist unersetzbar. Aber die Progression, also die Entwicklung, das passiert schon jetzt. Die Tänzer sind jetzt fast wie Akrobaten. Sie machen unglaubliche Sachen und dadurch verliert das Ballett manchmal, dass es wichtig ist, Emotionen zu geben.
Manchmal vergessen die Choreografen, dass das Publikum gerade im Moment in so einer schwierigen Welt mit vielen Problemen lebt. Und man will etwas fühlen. Und wenn man eine Vorstellung guckt und sagt: ‚Naja, es war schön.‘ Ich finde, man muss immer versuchen, das Publikum begeistert zu halten, egal in welcher Richtung.“